Donaukurier über Geschwister Well: Musikalisches Familienidyll

(Donaukurier Geschwister Well vom 18. April 2013)  Ingolstadt (DK) Günzlhofen ist ein kleines Dorf bei Fürstenfeldbruck. Den Begriff „Großmacht“ kann man damit nun wirklich nicht in Übereinstimmung bringen. Tatsächlich geht es auch nicht um das Örtchen selbst, sondern vielmehr um eine Familie aus diesem Ort – und die ist eine Großmacht, eine musikalische

Foto: Löser / Donaukurier Geschwister Well 18.4.2013

Foto: Löser / Donaukurier 18.4.2013

 

Stichwort: Biermösl Blosn. Drei Brüder der Familie Well zogen aus, das bayrische Politikestablishment, namentlich die CSU, jahrzehntelang das Fürchten zu lehren. Die Waffen: spitze Zungen mit rasiermesserscharfem Spott, urbayrischer Dialekt, g’schert und in seiner Pointierung von erheblicher Sprengkraft. Dazu eine nahezu brachiale Urmusikalität – zwei der Brüder haben Musik studiert und waren zudem Mitglieder der Münchner Philharmoniker. Die Mission: den Alleinvertretungsanspruch der bayrischen Nomenklatura brechen, singend und ätzend zeigen: Es gibt da noch ein anderes Bayern.

Die Formation löste sich im Jahr 2012 nach Streitigkeiten über die künftige Ausrichtung auf. Der „Hauptverantwortliche“ für die satirischen Texte, Hans Well, beschritt eigene Pfade und hinterließ zwei Spitzenmusiker und Ratlosigkeit. Gut, dass es da noch die Wellküren gibt. Mittlerweile seit 23 Jahren sind die drei Schwestern, die ebenfalls der 17-köpfigen Well-Familie entstammen, mit ihrem bayrischen Musikkabarett unterwegs, als paralleles Erfolgsmodell quasi – und das ganz ohne Frauenquote. Die Ingolstädter Kabaretttage finden gerade statt und da wird das Publikum im Festsaal mit den Geschwistern Well konfrontiert, einem gemeinsamen Projekt der Wellküren und dem Biermösl-Blosn-Relikt, ergänzt durch Karl – Well versteht sich. „Fein sein – beieinander bleiben“ heißt das Programm, das letztlich in dem Unfeinsein und Auseinandergehen der Biermösl Blosn seinen Ursprung hat. Sogar die hochbetagte Mutter Well wird auf die Bühne geleitet, nimmt hinter ihrer Zither Platz, auf der sie einen Song begleitet. Welch Familienidyll!

Wäre da nicht ein ungeklärter Kriminalfall. Da ist die blutige Nase des Kleinkinds „Stofferl“ Well, die Tatwaffe, ein Schürhaken und sechs äußerst humorvolle, verschiedene Darstellungen der (mittlerweile verjährten) Tat. Auch über die Frage, wer auf der Bühne zu dominant sei, lässt sich trefflich streiten. Nicht zuletzt auch musikalisch: Herrlich, wie sich einzelne Instrumente mobbend zusammenfinden, die Klarinette quietschend den Schwanz einzieht, man aus dem Hinterhalt trompetend eine Attacke reitet. Der Reimwettbewerb allerdings trägt nicht und ist in seiner Länge ermüdend. Politische Bisse sind selten und hinterlassen nur milde Druckstellen. Aktualität gewinnt das Programm hauptsächlich durch einen „Nachbrenner“, ein Gstanzl-Update sozusagen. Darin werden unter anderem schlaglichtartig Steuerflucht und als Standortschmeichelei Audi thematisiert. Überhaupt gewinnt das Programm seinen Reiz primär aus der originell aufbereiteten Musik.

Alle Mitglieder sind begnadete Multiinstrumentalisten und verbinden musikalische Qualität mit locker luftigem Umgang mit musikalischen Heiligtümern wie Beethovens Neunter und deren berühmtem Chor, Mendelssohn Bartholdy und Wagner. Die finden sich unvermittelt höchst originell verwurstet mit den „lustigen Holzhackerbuam“ wieder, die in Moll und auf dem Dudelsack präsentiert werden. „Highway to Well“ erklingt gerade. Das begeisterte Publikum im Festsaal lässt eine Schnellstraße zum Erfolg des Programms vermuten.

Von Christoph Fiedler

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Wellküren 170413 DONAUKURIER Ingolstadt

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